Kirchenstatistik 2014

"Die Botschaft wird nicht untergehen"


Die Kirchenaustrittszahlen sind im Jahr 2014 weiter gestiegen. Was bewegt Menschen dazu, aus der Kirche auszutreten? Und was gibt uns angesichts solcher Entwicklung Hoffnung auf die Zukunft?  Antworten darauf gibt Elli Schmieg, Geistliche Begleiterin im Atrium Kirche in Bremen. Bremen ist das einzige Bundesland, in dem Christen einen Kirchenaustritt nicht nur beim Standesamt, sondern auch direkt bei der Kirche erklären können. Katholiken treffen dann auf Elli Schmieg und ihre Kolleginnen. 


Elli Schmieg, Geistliche Begleiterin (Bild: Bistum Osnabrück)

Elli Schmieg ist Geistliche Begleiterin im Atrium Kirche in Bremen (Bild: Bistum Osnabrück)

Frau Schmieg, die Zahl der Kirchenaustritte ist weiter gestiegen. Wie begründen Sie das?


Elli Schmieg: Ich glaube, wir brauchen keine „römischen Katastrophen“ mehr, um verstärkte Zahlen zu haben. Natürlich hat der Missbrauchsskandal 2010 viele zum Austreten bewogen, aber ich glaube, mit dem Finanzskandal um Tebartz-van Elst ist ein Damm gebrochen. Zudem beobachte ich, dass  bei vielen die Kirchenbindung gleich Null ist. Die Menschen verlieren den Bezug zur Kirche im Alltag. Generell stelle ich fest, dass die Austritte sehr unberechenbar sind: Mal gibt es eine Zeit lang nur wenige Austritte, dann folgt eine ganz schlimme Woche. Diese Arbeit kann sehr belastend sein, weil mir Kirche sehr wichtig ist. Trotzdem bin ich sehr froh, dass wir diese Arbeit tun. Oft treten die Menschen seit langer Zeit zum ersten Mal in Kontakt mit „Menschen von der Kirche“ und sind überrascht, wie offen wir auf sie zugehen.

Sie betreuen die Kirchenaustritte schon seit 2006. Haben sich die Gründe für die Austritte in vergangener Zeit verändert?

Elli Schmieg: Es sind immer wieder die gängigen Themen, wie der Umgang mit gebrochenen Lebenslinien oder das Thema Homosexualität. Ich kann das nachempfinden und würde mir wünschen, dass wir als Kirche einen anderen Weg finden, damit umzugehen. Gerade hier setze ich große Hoffnungen in die Familiensynode im Herbst. Viele, auch sehr reflektierte Leute, resignieren und sind der Meinung, dass sich doch nichts ändert. Oft ermuntere ich solche Menschen, dass sie mal genau beobachten sollen, ob sich in den Jahren wirklich nichts verändert hat. Dann höre ich oft Gründe wie „Ich habe nichts mehr damit zu tun“ – solche Argumente  gab es immer schon, sie werden aber zunehmend mehr. Viele, gerade Mitbürger mit ausländischen Wurzeln, verstehen auch das deutsche System der Kirchensteuern nicht. In ihren Heimatländern gibt es so etwas nicht. 


Was stimmt Sie auch positiv? Was sind Ihre Hoffnungen?

Elli Schmieg: Es sind Einzelne und nicht die Masse, die mich positiv stimmen. Menschen, die sich neu auf den Weg machen mit einer ganz tiefen, inneren Erfahrung. Ich glaube, dass wir mit den Austrittszahlen noch längst nicht am Nullpunkt sind, aber ich glaube an die Kraft des Evangeliums, und diese Botschaft wird nicht untergehen. Oft kann man am Einzelnen spüren, welche Kraft diese Botschaft hat. Das ist sehr bewegend. Ich leite Kurse für Erwachsene, die in die Kirche eintreten wollen. Ich bewundere die Fantasie Gottes, wie er in dieser westlichen Konsumwelt Wege findet, Leute anzusprechen. Solange sich noch denkende, fitte Menschen von der Botschaft berühren lassen, solange gibt es Kraftpotenzial. Ich glaube, dass wir alle Kraft einsetzen müssen, dass wir so mit dieser Botschaft umgehen, dass sie ins Leben trägt und nicht in die Enge. Ich will keine Prognose wagen, wie es mit der Kirche weitergeht, aber wichtig ist, dass wir bei aller Wachheit, Nüchternheit und Sorge sehen, wie Einzelne ganz bewusst ihren Weg als Glaubende gehen.



Suche und Serviceangebote