Das Wunder der Schöpfung bewahren
"Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." (Genesis 1, 31) Ob er das Gleiche wohl auch heute noch von seiner Schöpfung sagen würde? Umweltverschmutzung und Treibhausgase, Massentierhaltung und eine immer geringere Artenvielfalt, Energieverschwendung und kein Ende in Sicht. Gottes Schöpfung, unser Lebensraum, ist bedroht - daran besteht kein Zweifel. Deswegen engagieren die christlichen Kirchen sich schon seit vielen Jahren in den bereichen Umweltschutz, Nachhaltigkeit und Ressourcengerechtigkeit.
Im Bistum Osnabrück wird derzeit ein umfassendes Klimaschutzkonzept erarbeitet. Das Projekt kostet rund 150.000 Euro und wird mit 100.000 Euro durch das Bundesumweltministerium gefördert. "Als Christen fühlen wir uns in besonderer Weise der Bewahrung der Schöpfung verpflichtet", sagt Generalvikar Theo Paul. Er verwies auf die bereits vor drei Jahren gestartete "Energieoffensive" des Bistums, bei der es insbesondere um die Einsparung von Energiekosten geht. Nach bisherigen Schätzungen werden in den rund 230 Kirchengemeinden des Bistums bislang jährlich mehr als sieben Millionen Euro für die Energieversorgung aufgewendet.
Im einem breit angelegten Beteiligungsprozess werden jetzt alle klimarelevanten Bereiche wie zum Beispiel die Energieeffizienz der über 1.300 kirchlichen Gebäude untersucht, aber auch die Beschaffung von Energie, Lebensmitteln oder Büromaterial in den Kirchengemeinden und Einrichtungen sowie das Mobilitätsverhalten. Ziel des Klimakonzeptes ist die Umsetzung eines Leitbildes zur Klimaneutralität und die Erstellung einer CO2 Bilanz. Darüber hinaus sollen Möglichkeiten aufgezeigt werden, wie und wo Energie eingespart werden kann und wo erneuerbare Energien aus Wind und Sonne eingesetzt werden können. Das Konzept wird in enger Zusammenarbeit mit den Pfarrgemeinden und kirchlichen Einrichtungen und einem Osnabrücker Ingenieurbüro erstellt. Das Bistum hat in den Haushaltplänen von 2007 bis 2015 insgesamt 4,5 Millionen Euro für energetische Baumaßnahmen einsetzt.

Lernen unter freiem Himmel - im Park der Angelaschule Osnabrück erfahren Schülerinnen und Schüler Schöpfung hautnah
Seit dem Frühjahr 2012 läuft im Bistum die Aktion Faire Gemeinde. Zwischen Osnabrück un der Nordseeküste gibt es eine Vielzahl an Gemeinden, die sich bereits im fairen und ökologischen Bereich engagieren. Die Aktion "Faire Gemeinde möchte ihnen Anerkennung zollen und ihr Engagement öffentlich machen. Außerdem sollen Gemeinden, die sich bisher noch nicht engagieren, ermutigt und unterstützt werden, faire und ökologische Aspekte in ihrem Kaufverhalten zu berücksichtigen. Aus sechs fairen Kriterien und sechs ökologischen Kriterien sollen mindestens fünf ausgewählt werden, die dann von der Pfarrei eingehalten werden. Als Anerkennung dafür gibt es eine offizielle Auszeichnung, die auch an der Kirche und am Pfarrheim angebracht werden kann.
Papst Benedikt XVI. mahnt in seiner Weltfriedensbotschaft 2010 einen sorgsamen Umgang mit der Schöpfung ebenso deutlich an wie sein Vorgänger Papst Johannes Paul II. In Deutschland äußern sich die Bischöfe und zuständigen Kommissionen der Deutschen Bischofskonferenz seit rund dreißig Jahren immer wieder zur Schöpfungsverantwortung. Erst Ende Mai meldeten sich die deutschen Bischöfe in der aktuellen Debatte um Atomenergie zu Wort. In einer Arbeitshilfe mit dem Titel "Der Schöpfung verpflichtet" forderten sie eine baldige Energiewende. Aus ethischer Sicht sei Kernenergie "wegen der ungeklärten Entsorgung, der Möglichkeit großflächiger Katastrophen und terroristischer Anschläge" nicht vertretbar. Trotzdem, so Kardinal Reinhard Marx: "Atomfreier Strom macht noch keine Energiewende!" Energiesparen sei angesagt, sowie Investitionen in Entwicklung und Forschung, um den Umschwung einzuleiten.
Dafür muss ein Anfang gemacht und ausgebaut werden - das weiß auch Bernward Rusche. Er ist Umweltbeauftragter des Bistums Osnabrück und hält die Bewahrung der Schöpfung für eine wichtige Grundlage in Pastoral, Seelsorge und täglichem Handeln: "Wir müssen es als unsere Aufgabe ansehen, gegen die Resignation der Klimaentwicklung anzugehen - und sei es auch mit noch so kleinen Schritten. Aus unserem Glauben heraus können wir Dinge anfangen in der Gewissheit, dass wir sie nicht heute und morgen zu Ende bringen müssen, sondern für übermorgen planen; Gott selbst wird seinen Plan mit uns vervollständigen."
Energie vom kirchendach: Auf zahlreichen Gebäuden im Bistum Osnabrück gibt es Photovoltaikanlagen zur Stromgewinnung - wie hier auf dem Dach der katholischen Kirche St. Ansgar in Nahne.
Es geht um langfristiges Denken: Bereits 1980 haben die deutschen Bischöfe die Erklärung "Zukunft der Schöpfung - Zukunft der Menschheit" veröffentlicht und sich darin für den Arten- und Tier- und Klimaschutz sowie für einen verantworteten Umgang mit Energie ausgesprochen. Zu Anfang der Erklärung heißt es: "Der Mensch darf nicht alles, was er kann. Je mehr er kann, desto größer wird seine Verantwortung." Diese Verantwortung wurde ihm schon bei Anbeginn der Zeit von Gott übergeben: "Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen." (Genesis 1, 28)
Mit diesem Beherrschen ist aber keine Gewaltherrschaft gemeint, keine Ausbeutung, sondern ein Beschützen und ein sich Kümmern um etwas, das einem anvertraut wurde. "Gott, der Herr, nahm also den Menschen und setzte ihn in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und hüte." (Genesis 2, 15)
Im biblischen Verständnis schließt das Beherrschen die Verantwortung für die Beherrschten mit ein. Dies gilt auch und gerade für das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen. Oder, wie die deutschen Bischöfe schon vor 30 Jahren festhielten: "Die Welt ist eine Gabe Gottes an den Menschen, und sie ist ihm gegeben zum Weitergeben. Der Mensch hat darum auch Verantwortung für die Generationen der Menschheit, die nach ihm kommen. So wird die Schöpfung zum Erbe, das jedes Geschlecht den kommenden Geschlechtern schuldet und ihnen nicht wegkonsumieren, nicht mit unerträglichen Hypotheken belasten darf. Dies ist der kritische Punkt unserer heutigen Situation: Ausgeraubte und verbrauchte Schöpfung regeneriert sich nur teilweise, Ressourcen sind nicht unerschöpflich, Entwicklung geht nicht grenzenlos weiter, Nebenwirkungen heutigen Handelns sind oftmals Nachwirkungen für kommende Jahrhunderte. Verantwortung des Menschen für die Schöpfung ist Verantwortung dafür, das Erbe zu hüten und nicht anstelle eines Gartens eine Wüste zu hinterlassen."
Domdechant Heinrich Plock (r.) als Bauherr und Fritz Brickwedde, Präsident der Deutschen Bundesstiftung Umwelt als Zuschussgeber, nahmen 2008 symbolisch die Erdwärmeheizung für Dom und Nachbargebäude in Betrieb.
Die Umwelt, die Welt in der wir leben, ist ein Geschenk Gottes - an den Menschen, aber auch an alle anderen Geschöpfe die jetzt auf der Erde leben und in Zukunft auf ihr leben wollen. Im Bistum Osnabrück engagieren sich ganz unterschiedliche Akteure - Pfarrgemeinden, Verbände, kirchliche Hilfswerke und katholische Akademien, Schulen und Ordensgemeinschaften - um die Schöpfung zu pflegen und zu bewahren.
Rund ein Drittel der Kirchengemeinden und kirchlichen Einrichtungen im Bistum beziehen Öko-Strom. Zusammen mit den Einrichtungen des Diözesan-Caritasverbandes und weiteren kirchlichen Einrichtungen werden mittlerweile 400 Abnahmestellen mit Strom aus regenerativen Energiequellen statt mit Atomstrom beliefert. Außerdem sind oder werden auf vielen kirchlichen Gebäuden Solaranlagen installiert, um einen Teil des Stroms selbst zu produzieren.
Vor drei Jahren startete das Bistum Osnabrück eine Energieoffensive mit der Vorgabe, in allen kirchlichen Gebäuden eine Energieeinsparung von 25 Prozent zu erreichen. Im Rahmen der Offensive haben rund 175 Kirchengemeinden Gutachten von ihren Gebäuden anfertigen lassen, die den Energieverbrauch dokumentieren. Um den Energieverbrauch zu senken und den Anteil der erneuerbaren Energien zu steigern, gibt es verschiedene Maßnahmen, beispielsweise den vermehrten Einbau von Photovoltaikanlagen, zusätzliche Wärmedämmung und die Modernisierung von Heizungsanlagen.
Vorreiter war hier zum Beispiel der Osnabrücker Dom St. Petrus. Schon seit Anfang 2008 wird knapp ein Viertel des Wärmebedarfs für den Dom und die umliegenden Gebäude mit Hilfe einer Erdwärmeheizung gewonnen. Im Sommer können die Bauten mit der gleichen Technik gekühlt werden. Fritz Brickwedde, Präsident der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, die den Bau der Heizung unterstützt hat, ist vom Nutzen der Anlage überzeugt: "Die Investition von 400 000 Euro hat sich spätestens nach 15 Jahren amortisiert. Für eine 2000 Jahre alte Kirche ist das doch gar nichts!"
An der "Öko-Butze" der Angelaschule können Schülerinnen und Schüler Produkte aus umweltverträglichem Material kaufen, zum Beispiel bunte Pappmappen.
Das Gymnasium Angelaschule in Osnabrück, dessen Träger die Schulstiftung Osnabrück ist, geht noch einige Schritte weiter: es wird zur "umweltverträglichen Schule". Ein Projekt, das vom Bundesumweltministerium und der Deutschen Bundesstiftung Umwelt unterstützt wird. Im Rahmen der umweltverträglichen Maßnahmen wurde z.B. der Klassentrakt CO2-neutral gedämmt, erhielt neue Fenster und wurde mit modernster Belüftungstechnik ausgestattet. Geheizt wird mit Erdwärme, allerdings ist das kaum nötig, denn zusätzliche Wärme braucht die Schule dank des ausgeklügelten Belüftungssystems erst ab minus 12 Grad Außentemperatur. Die Beleuchtung wird abhängig vom einfallenden Tageslicht geregelt. Ist im Klassenraum niemand anwesend, schaltet sich das Licht aus.
Auch die anderen Gebäude der Schule wurden in den vergangenen Jahren unter energetischen Gesichtspunkten saniert. Aber die Vorgabe, eine umweltverträgliche Schule zu schaffen, beschränken sich nicht auf bauliche Maßnahmen. Ziel ist auch, das Thema Klimawandel und Umweltschutz im Unterricht zu behandeln und in den Alltag zu integrieren. Ein ganz besonderer Lernort für die Schülerinnen und Schüler der Angelaschule ist der benachbarte Park, der von der Schule genutzt wird. Hier gibt es beispielsweise ein Bienen-Hotel und einen Teich mit Fischen, die schon auf der Liste der bedrohten Arten standen. Betreut wird er von Jugendlichen, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Bistum absolvieren. Sie helfen auch den jüngeren Schülern bei der Pflege der Schulhofbeete und verkaufen umweltverträgliche Produkte in der "Öko-Butze", einem ökologischen Kiosk.
Selbst gezogenes Gemüse aus dem Garten, ein Spaziergang durch den Wald, der Sprung in einen klaren See – all das sind Freuden, die ganz und gar nicht selbstverständlich sind. Gottes Schöpfung ist ein Wunder, und zwar ein großes! Deswegen empfiehlt Theo Paul, Generalvikar im Bistum Osnabrück: "Lasst euch verführen und lernt, zu staunen." Dabei geht es nicht um eine stumme Ergriffenheit, sondern um eine Verblüffung, die Interesse und Freude am Nachfragen weckt. Das Staunen beginnt damit, dass der Mensch Abstand hält zu den Dingen des Lebens und sie sein lässt, wie sie von sich aus sind. So kann er entdecken, dass andere Menschen, aber auch Tiere und Pflanzen nicht nur einen Gebrauchswert für ihn, sondern einen Eigenwert in sich haben. Generalvikar Paul erläutert: "Um den Eigenwert der Schöpfung wahrnehmen zu können, gehört auch der Blick für das Schöne. Wer nur den Müll in der Landschaft sieht, nur Schreckensnachrichten hört und Abgase riecht, wer also den Blick verloren hat für das Zusammenspiel der Farben in der Natur, wessen Ohren für den Gesang der Vögel taub geworden sind, und wer sich nicht mehr vom Duft der Kräuter in einer Wiese betören lassen kann, der wird wohl kaum die nötige Energie und Lust aufbringen, sich für den Erhalt der Schönheit unserer Erde einzusetzen." Der beste erste Schritt zur Bewahrung der Schöpfung ist also, sich an ihr zu freuen. Hört sich doch eigentlich ganz einfach an, oder?!
