Kindertrauerland

"Kinder zeigen ehrliche Gefühle"


Willi Weitzel ist einer der beliebtesten Reporter im Kinderfernsehen. Die meisten kennen ihn durch die nach ihm benannte Sendung "Willi wills wissen". Seit 2010 setzt sich Willi auch für trauernde Kinder ein: als Botschafter für das Trauerland in Bremen spricht er mutig über den Umgang mit dem Tabuthema Tod.
Das Trauerland unterstützt Kinder, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. In unterschiedlichen Räumen können sie ihren individuellen Trauerweg finden. Dabei werden sie von Pädagogen, Psychologen und geschulten Freiwilligen begleitet. "Kinder trauern anders als Erwachsene", sagt Ralf Baur, Sprecher des Vereins. Die Trauerarbeit bestehe bei ihnen nicht nur aus Weinen und Worten, sondern oft auch aus Spielen, Malen oder Toben. Hierfür finden sie im Trauerland Räume, Material und professionelle Begleitung. Auch in Belm bei Osnabrück gibt es seit einem Jahr ein Angebot für trauernde Kinder mit dem Namen Spes Viva Trauerland. Es arbeitet mit dem gleichen Konzept.

Im Interview erzählt Willi Weitzel mehr zum Trauerland:


Kinderreporter Willi Weitzel, Bild: Lisa Koch

Kinderreporter Willi Weitzel ist Botschafter beim Trauerland in Bremen

Willi, wie ist die Zusammenarbeit mit dem Trauerland entstanden, das sich in Bremen für trauernde Kinder einsetzt?
Ich war in Bremen zu einer Talkshow eingeladen. Die damalige Moderatorin Amelie Fried nahm mich zur Seite und erzählte mir, dass sie Botschafterin für das Trauerland ist und einen Nachfolger sucht. Hintergrund war meine Sendung "Wie ist das mit dem Tod" aus dem Jahr 2003, die im gleichen Jahr mit dem Erich-Kästner-Preis ausgezeichnet wurde als beste Kindersendung des Jahres. Da lag die Frage nahe. 

Dann kanntest Du dich also schon mit dem Thema aus?
Diese Sendung war zwar nur eine von insgesamt 180 Folgen bei "Willi wills wissen", aber es war eine, die mich bis heute begleitet. Ich werde immer wieder darauf angesprochen und dafür bin ich auch sehr dankbar. So hatte ich die Chance, mich mit dem Tabuthema Tod beruflich auseinanderzusetzen. Privat hätte ich das vielleicht auch lieber zur Seite geschoben. Bis heute freue ich mich immer, wenn ich die Sendung sehe – vor allem, weil ich da noch so jung aussehe... 

Wird der Umgang mit dem Thema Tod leichter, wenn man darüber spricht?
Ich glaube, wenn man selbst nicht aktuell betroffen ist, fällt es leichter über das Thema zu reden. Man muss sich dann aber trotzdem noch trauen. Ich weiß nicht inwiefern die Wörter "trauern" und "sich trauen" zusammenhängen, aber immerhin klingt es sehr ähnlich. Wenn ich jemanden vor mir habe, der gerade jemanden verloren hat, fällt es schwer, die richtigen Worte zu finden. Deshalb schreibe ich dann immer etwas, zum Beispiel eine Beileidskarte. Darin kann ich präziser formulieren. Viele Hemmungen entstehen ja auch, weil man nie weiß, in welchem Moment man jemanden gerade erwischt.

Wie verstehst Du Deine Rolle als Botschafter?
Ich will mithelfen, dass die Menschen wissen, dass es eine solche Einrichtung gibt. Das ist für mich eine Solidaritätsbekundung mit den Kindern im "Trauerland". Ich bin total gerne für sie da und stehe für sie ein. Das gibt mir irgendwie einen Sinn und ich hoffe, es hilft auch den Kindern, die trauern. 

Kanntest Du das Trauerland-Konzept?
Nein. Aber ich war positiv überrascht. Obwohl es dort um das Thema Tod geht, begegnet einem in den Räumen sehr viel Leben. Die Kinder werden nicht nur für ein paar Wochen, sondern zum Teil jahrelang in ihrer Trauer begleitet. Das Konzept hat mich von Anfang an begeistert. 

Was hat Dir im Trauerland besonders gefallen? 
Was ich sehr, sehr schön finde, ist, wie die Kinder in der Gruppe begrüßt werden. Jedes Kind stellt sich vor, sagt wie alt es ist und wer bei ihm gestorben ist. Wenn dann rund zehn Kinder im Kreis sitzen und von sich erzählen, merkt man, wie ein Solidaritätsgefühl zwischen ihnen entsteht. Sie öffnen sich und merken gleichzeitig, dass sie nicht der oder die Einzige in einer solchen Situation sind. 

Warum ist das so wichtig?
Sonst würden die Kinder mit ihrer Trauer alleine im Kinderzimmer sitzen. Sie haben ja auch Schwierigkeiten, zum Beispiel mit Mama zu reden, wenn der Papa gestorben ist. Sie denken vielleicht: "Ich spreche die jetzt nicht an, weil sie ja auch noch traurig ist". Kinder wollen ja auch ihre Eltern schützen. Das Trauerland ist daher ein schönes Ventil mit neutralen Ansprechpartnern.


http://www.kindertrauerland.org, Bild: Screenshot

Extra für traurige Kinder: die neue Website des Trauerlands auf www.kindertrauerland.org


Warum hast Du an der neuen Website des Trauerlands mitgearbeitet?

Als Botschafter fühlt man sich ja im wahrsten Sinne des Wortes auch verpflichtet, die Botschaft, um die es geht, zu kommunizieren. Das Internet bietet dafür eine tolle Plattform. Mir gefällt, dass man dort sehr schön empfangen wird. Es ist eine mutige Seite geworden. Man kann sich dort mit dem Thema Tod auf vielfältigste Weise auseinandersetzen. Es finden sich auch Informationen, zum Beispiel über die Bedeutung von Suizid. Die Seite trifft einen sehr schönen Ton und nennt das Thema sehr offen und ehrlich beim Namen. Trotzdem ist es aber so, dass niemand verstört dort rausgeht. Da wollte ich einfach mitarbeiten und dabei mithelfen, Hemmschwellen abzubauen.

Welche Vorteile bietet hier speziell das Internet?
Der Computer und das Internet sind ja auch dafür gemacht, sich zurückzuziehen. Man sitzt in der Regel alleine vor dem PC und hat eine sehr intime Situation. Ich habe mit den Kindern in Bremen einen Tag lang die Räume für die Internetseite gefilmt. Die Kinder präsentieren in kurzen Filmen sozusagen "ihr" Trauerland.

Wo liegen die Unterschiede der Trauer von Kindern und Erwachsenen?
Ich kann nur von meinen eigenen Erfahrungen her sagen: Je älter man wird, umso verkopfter wird man auch. Man denkt: "Komm, wir müssen uns jetzt zusammenreißen", und richtet sich nach gesellschaftlichen Konventionen. Es ist in unserer Gesellschaft ja leider so, dass sich viele nicht trauen, zu ihren Gefühlen zu stehen. Viele sagen: "Lieber nicht auffallen." Wenn aber ein Mensch stirbt, dann fällt man aus dem Raster, und wenn man seine Trauer dann nicht rauslässt, ist es schwer.

Und bei Kindern?
Ich glaube, Kinder haben eine größere Chance, weil die noch nicht so verkopft sind und eher in ihren Gefühlen leben. Wenn man sich zum Beispiel mal anschaut, wie oft Kinder am Tag lachen und wie oft Erwachsene, dann ist man erschrocken. Kinder sind ehrlicher mit ihren Gefühlen und denken nicht darüber nach, ob es blöd wirkt. Ich habe in der Grundschule auch öfter mal in der Klasse geflennt, weil irgendwas nicht so toll war. Heute würde ich sagen: "Nicht hier vor den Leuten, geh irgendwo hin, wo es keiner sieht", oder man weint überhaupt nicht.


Vor fast zwei Jahren hast Du die letzte Folge für "Willi wills wissen" gedreht. Was hat sich seitdem verändert?
Ich habe die Zeit genutzt, mich erstens intensiv um meine Tochter zu kümmern, viel Zeit mit ihr zu verbringen und zweitens beruflich neue Pläne zu entwickeln. Im nächsten Jahr werde ich 40 Jahre und damit wird jetzt offiziell die Midlife-Crisis eingeläutet... Aber mal ehrlich: Man macht sich schon Gedanken, wie es mit dem eigenen Leben weitergehen soll. Ich glaube, meine Rolle hat sich auch dadurch verändert, dass ich selbst Papa geworden bin. Vor zehn Jahren habe ich mich noch total als Stellvertreter der Kinder gefühlt. Auch wenn ich den Draht zu ihnen nicht verloren habe, fühle ich heute doch auch eine neue Verantwortung auf der Elternseite.

Gibt es auch beruflich neue Pläne?
Mein Wunsch, der sich in den vergangenen Monaten rauskristallisiert hat, ist es, die gesamte Familie zu stärken. Auch wenn "Willi wills wissen" primär eine Kindersendung war, hatten wir auch dort schon viele erwachsene Zuschauer. Warum also nicht die Familie als Zielgruppe sehen. Ich hoffe, dass ich schon bald mit neuen Familiensendungen zu sehen bin.

In Deinen Sendungen geht es meistens um Wissensvermittlung. Hat das was damit zu tun, dass du den Beruf des Hauptschullehrers gelernt hast?
Nein. Ich glaube nicht. Ich habe ja auch nie in dem Beruf gearbeitet und es war auch nie mein Wunsch, Lehrer zu werden. In meinen Sendungen sehe ich mich eher als denjenigen, der den Mut aufbringt, eine sehr einfache Frage zu stellen. Viele gehen lieber über ihre Unwissenheit hinweg und tun so, als wüssten sie, um was es geht. Ich muss mich immer wieder aufraffen zu sagen: "Ich habs nicht verstanden. Erklärs mir bitte." Ich glaube, das trauen sich nicht viele. Dazu braucht man Mut.

Du hast auch katholische Religionspädagogik studiert. Welche Rolle spielt Gott in Deinem Leben und bei Deiner Arbeit?
Es war nicht einfach für mich, mit der Sendung "Willi wills wissen" aufzuhören. Das war ja beruflich das, was mich ausgemacht und auch in den Medien präsent gemacht hat. Ich habe damals quasi meinen Beruf unterbrochen und bin in eine ungewisse Zukunft gegangen, ohne zu wissen, wie es weitergehen würde. Und das habe ich nur mit einem gewissen Gottvertrauen machen können. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals in der Bild-Zeitung die Überschrift zu einem Interview mit der evangelischen Bischöfin Margot Käßmann gelesen habe, die in Bezug auf ihre Alkoholfahrt und den damit verbundenen Konsequenzen gesagt hat: "Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand." Und das war einfach die Formulierung meines Gefühls und da war ich dankbar, weil das genau das Gefühl ist, mit dem ich durchs Leben gehe. Das wünsche ich auch jedem!



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