Tödliches Zeugnis
Schon als der Film des Franzosen Xavier Beauvois im Mai beim Festival in Cannes gezeigt wurde und den Großen Preis der Jury gewann, überschlugen sich die Kritiker. Von einem Meisterwerk war die Rede. Obwohl der Tod, die Enthauptung, der Mönche nicht gezeigt wird, naht das Unglück auch im Film in großen Schritten. Erst wird die 18-jährige Samira ermordet, weil sie keinen Schleier trug. Dann, nur wenige Monate nach dem Aufruf islamischer Terroristen an alle Ausländer das Land zu verlassen, werden 14 kroatischen Gastarbeitern die Kehlen aufgeschlitzt.
Fassungslos stehen Mönche wie Kinozuschauer den Grausamkeiten gegenüber. Die Angst um das nackte Leben hat bald das gesamte algerische Volk erfasst. Es ist vor allem das Mitleiden mit den benachbarten Dorfbewohnern, das die Mönche bleiben lässt. In intensiven, zuweilen prosaischen Gesprächen ringen die sonst so schweigsamen Trappisten um eine gemeinsame Linie, die schließlich in der Feststellung mündet: "Der gute Hirte lässt seine Herde nicht im Stich, wenn der Wolf kommt."
In der Wirklichkeit des algerischen Bürgerkriegs, bei dem mehr als 120 000 Menschen ermordet wurden, findet das im Film zitierte Wort des Philosophen Blaise Pascal seine furchtbare Bestätigung: "Nie tun Menschen Böses so gründlich und glücklich wie aus religiöser Überzeugung." Gleichwohl rutscht der Film, der sich jederzeit eng an historischen Fakten orientiert, und den in Frankreich bereits zwei Millionen Menschen gesehen haben, nie ab in einen platten Anti-Islamismus.
Im Gegenteil: Der tiefe Respekt für das algerische Volk und die beinahe zärtliche Verbundenheit der Mönche mit ihren muslimischen Nachbarn ist jederzeit glaubhaft dargestellt. Wie selbstverständlich liegt in der Bibliothek der Patres der Koran neben christlichen Schriften. Aber auch Probleme werden nicht verschwiegen. In dem sensibel nachgezeichneten Gespräch eines algerischen Mädchens mit dem altersweisen Arzt und Bruder Luc (großartig gespielt von Michael Lonsdale) wird deutlich, wie sehr etwa die Praxis der Zwangsheirat westlichen Freiheitswerten und der Liebe widerspricht.
Ähnlich wie Philip Gröning in seiner Kartäuser-Doku "Die große Stille", orientiert sich auch Beauvois am strengen Tagesablauf der Mönche. Die Liturgie und die gregorianischen Choräle geben dem Film einen würdevollen Rahmen und eine Struktur, die den Mönchen gerade in schwierigen Zeiten Halt und Orientierung gibt. Mehr als zwei Monate lang schickte Beauvois seine Schauspieler im Vorfeld der Dreharbeiten zu gemeinsamen Chorproben in eine Kirche.
"Von Menschen und Göttern" ist ein zutiefst christlicher Film, der genau dort Hoffnung macht, wo Terror und staatliche Gewalt jede irdische Hoffnung ersticken. Das Bekenntnis der Mönche, auch im Angesicht des Todes für die eigenen Überzeugungen einzustehen, ist durchaus vergleichbar mit der Passion Christi. Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er mit 120 Minuten etwas zu lang ist. Für Beauvois ist der Film - trotz aller Religiosität - aber kein rein religiöses Bekenntnis, sondern ein humanistisches und ein politisches Zeugnis. In einem Interview fasste er sein Werk einmal mit den drei Schlagwörtern der französischen Revolution zusammen: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit."
Video
Von Menschen und Göttern
Neugierig geworden? Hier sehen Sie den Trailer zum Film!
