Leitbilder für christliche Einrichtungen

Christliche Einrichtungen sind dabei, in einem Leitbild ihr Profil deutlich zu machen und Ziele zu formulieren

Von Matthias Petersen


Ob Krankenhaus, Schule, Kirchengemeinde oder Kindergarten – immer wieder stellen sich kirchliche Einrichtungen und Organisationen vor, die einen Leitbildprozess abgeschlossen haben.

Am Anfang stand die Sorge vor dem Ende. Jahrzehntelang hatten Ordensleute katholische Einrichtungen geprägt, hatten in Schulen, Kindergärten und Krankenhäusern wie selbstverständlich rund um die Uhr gewirkt. Und dabei viel von ihrer Lebenseinstellung weitergegeben. Als in der 80er und 90er Jahren ihre Nachwuchsprobleme zunahmen, fingen sie an, sich aus den Einrichtungen zurückzuziehen – doch der Geist, den sie zuvor verbreitet hatten, der sollte bleiben.
In den vergangenen zehn Jahren ist es deshalb modern geworden, soziale Einrichtungen mit Leitbildern zu versehen – seit katholische wie evangelische Einrichtungen immer mühsamer nach qualifiziertem Personal suchen, das sich zugleich zur eigenen Kirche bekennt. Ein Leitbild wirkt deshalb gleichermaßen nach innen wie nach außen: Auf der einen Seite gibt es den Mitarbeitern eine klare Zielvorgabe, auf der anderen bestätigt es die Erwartungshaltung der Kunden. Die wollen nämlich wissen, was hinter den Leistungen steckt, die sie kaufen – gleich ob im Kindergarten, der Schule oder dem Krankenhaus.
Schule: „Wofür stehen katholische Schulen?“ – Mit dieser Ausgangsfrage beschäftigte sich der Leitbildprozess, den die Schulstiftung im Bistum Osnabrück im März abgeschlossen hat. „Die Zahl der getauften Kinder geht zurück. Und dann ist den Eltern das Programm der Schulen nicht immer bekannt“, sagt Stiftungsdirektor Georg Schomaker, der für 16 Schulen zwischen Papenburg und Osnabrück zuständig ist. Der Stiftungsrat gab deshalb den Anstoß, zum ersten Mal Verbindliches für die rund 11 000 Schüler und ihre Eltern aufzuschreiben. „Dabei wollten wir den einzelnen Schulen nur einen Rahmen vorgeben und deren Freiraum nicht zu sehr einschränken.“ Bildung, Freiheit, Verantwortung – diese Schlagworte finden sich nun im neuen Leitbild, das mit vier DIN-A-4-Seiten auskommt. Schulleitungen, Mitarbeitervertretungen und Eltern waren an der Entstehung ebenso beteiligt wie „Personen, die der Schulstiftung gewogen sind“, wie Schomaker sagt.

„Über jeden Hinweis haben wir diskutiert“

Zunächst ging ein Entwurf an jede Schule, worauf zahlreiche Hinweise als Reaktion erfolgten. „Über jeden haben wir diskutiert, aber nicht jedem sind wir nachgegangen.“ Im Ergebnis heißt es jetzt, dass „Bildung nicht nur die Vermittlung von Wissen“ ist, Kinder sollten auch Kreativität entwickeln. Die Schule wolle die Eltern in der Erziehungsarbeit unterstützen. Der Religionsunterricht sei an den Stiftungsschulen verbindlich. „Schließlich wollten wir auch unsere Verantwortung deutlich machen, indem wir den möglichen Nachlass auf das Schulgeld mit aufgenommen haben“, so Schomaker.
Krankenhaus: Mitten drin im Leitbildprozess stecken derzeit die Niels-Stensen-Kliniken, unter deren Dach seit einem Jahr Krankenhäuser, ein Bildungszentrum und ein Altenpflegeheim in Osnabrück, Harderberg, Ostercappeln und Melle vereinigt sind. Viele der Häuser hatten bereits ein eigenes Leitbild, jetzt geht es darum, sie aufeinander abzustimmen. „In den inhaltlichen Schwerpunkten gibt es kaum Unterschiede, wohl aber im Sprachgebrauch“, sagt Bernd Runde, Personalleiter und Prokurist des Verbunds. „Im einen Leitbild wird das Thema Gerechtigkeit benannt, im anderen werden gleiche Überlegungen mit dem Begriff der Fairness belegt, in einem Krankenhaus wird Barmherzigkeit als wesentliche Grundhaltung formuliert, ähnliche Gedanken finden sich in einem anderen Krankenhaus zur Wertschätzung.“ Es sei zu einfach, wenn die Geschäftsführung dies nur am grünen Tisch übereinander lege. „Die Mitarbeiter müssen an der Formulierung eines gemeinsamen Leitbildes stark beteiligt werden.“

„Hinter dem stehen, was wir aufschreiben“

„Wir wollen aufzeigen, dass wir ein konfessioneller Verbund sind“, sagt Runde klar und deutlich. „Es geht nicht darum, eine Hochglanzbroschüre als PR-Maßnahme abzuliefern. Wir wollen auch hinter dem stehen, was wir da aufschreiben und uns von den Patienten, Geschäftspartnern und vor allem den Mitarbeitern daran messen lassen.“ So sind die Beschäftigten am Gedenktag des seligen Niels Stensen am 25. November zu einem Gottesdienst in den Dom eingeladen – eine Möglichkeit, sich mit Ideen und Gedanken, die der Namensgebung zugrunde lagen, auseinanderzusetzen. Und was wird im Leitbild stehen? „Zurzeit reden wir darüber, was unsere Verpflichtungen sind, aus welcher Tradition wir stammen und was die langfristigen Ziele einer Organisationskultur sein können, die sich zu Recht als Dienstgemeinschaft bezeichnen kann.“ Kirchliche Krankenhäuser stünden unter starker Beobachtung, „denn wir tragen unser Wertesystem bewusst und offensiv nach außen“. Nun gelte es zu unterscheiden, wie stabile Werte formuliert werden können und wo es sich nur um eine oberflächliche Anpassung an den Zeitgeist handeln würde. In der 20-köpfigen Projektgruppe, die sich darüber Gedanken macht, sind alle Berufsgruppen und alle Häuser vertreten: Ärzte, Pflegepersonal, die Geschäftsführung, der OP-Dienst, die Physiotherapeuten. Für die Moderation hat die Geschäftsführung einen externen Berater geholt.

„Leitbild spielt im Alltag eine bedeutende Rolle“

Kindergarten: Ob christliches Menschenbild oder die Zusammenarbeit mit den Eltern: „Unser Leitbild spielt in unserem Alltag eine bedeutende Rolle“, sagt Elisabeth Göken, Leiterin des Kindergartens Arche Noah in Beesten. Das Bistum Osnabrück hatte vor rund sechs Jahren angeregt, in jeder der rund 200 Kindertagesstätten einen Leitbildprozess anzustoßen. Mitglieder von Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand der St.-Servatius-Gemeinde stießen gemeinsam mit Pfarrer Gerhard Burchert dazu, die Moderation übernahm Maria Wecks vom Caritasverband. „Wir wollten unser eigenes Profil verdeutlichen“, sagt Göken. Herausgekommen sind auch Festlegungen der Rolle der Leiterin und der Mitarbeiterinnen, der pastorale Auftrag des Kindergartens innerhalb der Kirchengemeinde, die Sichtweise der Kinder, die Zusammenarbeit mit Müttern und Vätern. Zu allen Themen habe es Diskussionen gegeben und es wurden unterschiedliche Auffasungen deutlich, so die Leiterin. „Abschließend kamen wir jedoch immer auf einen gemeinsamen Nenner.“ Wer heute sein Kind für die Arche Noah anmeldet, bekommt die kleine Broschüre an die Hand. Seite für Seite finden sich die Leitsätze und die Realisierung in der Praxis des Kindergartens. Leiterin Göken: „Das Leitbild hat bewirkt, dass der Kindergarten jetzt wesentlich enger mit der Gemeinde vernetzt ist und sein Stellenwert gestärkt wurde.“

„Jedes Unternehmen braucht eine Vision“

„Jedes Unternehmen braucht eine Vision, damit die Mitarbeiter wissen, wo das Ziel ihrer Einrichtung ist“, sagt Gerhard Regenthal, Unternehmensberater aus Braunschweig. Zu seinen Kunden gehören auch kirchliche Einrichtungen. Qualität und Leistung verbesserten sich, wenn das Profil der Einrichtung deutlich werde, sagt er, „weil es blinden Aktionismus verhindert“. Da sei es gleich, ob der Betrieb groß oder klein sei, ob er kirchlich ausgerichtet sei oder nicht.
Regenthal achtet in seiner Arbeit darauf, dass Ziele klar formuliert werden. „Bloßes Gerede reicht nicht, konkret muss es sein“, sagt er. Inhaltlich müsse das Leitbild einer Einrichtung aufzeigen, „was es hier Besonderes gibt“ – denn auf diese Weise werde den Kunden der klare Nutzen des Betriebs vermittelt – ob es nun die Betreuungszeiten im Kindergarten oder die Methoden in der schulischen Wissensvermittlung sind. „Das alles trägt zur Markenbildung bei. Und die gilt eben nicht nur für Automarken oder Biersorten, sondern auch für Krankenhäuser oder Kindergärten.“ Regenthal nimmt nicht einmal Kirchengemeinden davon aus. „Gerade in Zeiten, in denen sich mehrere Gemeinden zu neuen Einheiten zusammenschließen.“ Dann müsse die Ausrichtung neu festgelegt werden, damit sich neue Schwerpunkte bildeten. „Sonst kommt man sich schnell in die Quere.“
Regenthal warnt davor, als Ziel eines Leitbildprozesses nur eine schöne Broschüre vor Augen zu haben. „Das Leitbild zeigt den Mitarbeitern die Perspektive auf, die sie in dem Betrieb haben.“ Unternehmensführungen, die auf die Schnelle zu einem Leitbild kommen wollten, verlören auf dem Weg ihre Belegschaft. „Wenn die Mitarbeiter das Gefühl haben, dass es sich nicht um ihr Leitbild handelt, können sie auch keine Identifikation entwickeln.“

 

Buchtipp: Christlich Identität profilieren – Corporate Identity im kirchlichen Bereich; Wolfgang Nethöfel, Gerhard Regenthal; 2007; EB-Verlag; 29,80 Euro.

 



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