Karl May und der christliche Glaube
Generationen von Jungs haben Rotz und Wasser geheult, als in "Winnetou III" der edle Häuptling der Apatschen in den Armen seines Blutsbruders Old Shatterhand in die ewigen Jagdgründe eingeht. Ewige Jagdgründe? Nichts da!
Der edelste aller Indianer legt mit seinen letzten Worten ein Glaubensbekenntnis ab: "Schar-Lih", sagt er zu seinem Freund, der ja laut Karl May niemand anderer ist als Karl - englisch: Charly - May, "Schar-Lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Lebe wohl!"
Am 30. Mai 1912 starb Karl May. Zu seinem 100. Todestag hat die literarische Karl-May-Gesellschaft 2012 ein Karl-May-Jahr ausgerufen. Eine gute Gelegenheit, sich mit den christlichen Wurzeln des Autors zu beschäftigen.

Der Schatz im Silbersee - eins von Karl Mays bekanntesten Büchern
Generationen von Jungs haben den Namen dieses kleinen Aufschneiders herunterrasseln können: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Der sich bei seinem berühmten ersten Satz in "Durch die Wüste" der Überlegenheit seiner Religion noch vollkommen sicher ist: "Und es ist wirklich wahr, Sihdi, dass du ein Giaur bleiben willst, ein Ungläubiger, welcher verächtlicher ist als ein Hund und widerlicher als eine Ratte, die nur Verfaultes frisst?" Aber Kara Ben Nemsi, der ja laut Karl May niemand anderer ist als Karl May, wird seinen Halef am Ende doch so sehr beeindrucken, dass der kleine Muslim samt Familie zum Christentum übertritt.
War Karl May ein literarischer Missionar? Der seine spannenden Abenteuergeschichten vor allem deshalb erzählt, um die (jungen) Leser mit religiösen Botschaften zu impfen?
Gewiss, Botschaften an die Menschheit - weltanschauliche, politische, religiöse - will May erklärtermaßen in seinem Spätwerk verkünden, also in seinem letzten Lebensjahrzehnt. Von Haus aus aber ist er schlicht ein konservativ gesinnter Mann, der "Gott, König und Vaterland" als seine zentralen Werte betrachtet. Und der seine Werke nicht zuletzt deshalb christlich färbt, weil das gut ist fürs Geschäft.
Denn der Vielschreiber Karl May ist ein Profi, der sein Handwerk als Redakteur in einem Verlag erlernt, der Unterhaltungszeitschriften produziert. Dort kann May sich darin üben, den eigenen Schreibstil auf ein Zielpublikum abzustimmen. Und so fabriziert er viele Jahre lang Texte für unterschiedliche Leserschaften: saftig-melodramatische Groschenromane für bescheiden Gebildete, saubere Abenteuergeschichten für die seriöse Jugendzeitschrift "Der gute Kamerad", Reiseerzählungen für die katholische Familienzeitschrift "Deutscher Hausschatz in Wort und Bild" und erbaulich-fromme Lehrstücke für den "Regensburger Marienkalender".
Mit Winnetou und Old Shatterhand (hier dargestellt von Pierre Brice und Lex Barker) schuf Karl May zwei legendäre Figuren
Mays Kitscherzeugnisse, die nicht unter seinem Namen erscheinen, kommen durchaus an - sein "Waldröschen" wird zum auflagenstärksten Heftroman des
19. Jahrhunderts. Den Durchbruch jedoch schafft er mit den Buchausgaben der Kara-Ben-Nemsi-Erzählungen aus dem "Hausschatz", dem katholischen Blatt. Karl Mays erste größere Lesergemeinde ist katholisch. Das weiß der Autor genau und bittet denn auch katholische Bischöfe um freundliche Kommentare: "Dann machen wir bei den Katholiken gute Geschäfte, denn die Pfarrer werden sich gern für uns ins Zeug legen", schreibt May seinem Verleger. In der Tat bescheinigen mehrere Bischöfe den "sittlich anregenden" Werken Mays, "in jeder Beziehung empfehlenswerte Bücher für das katholische Haus" zu sein.
Der Großteil seiner Leser - und vermutlich auch der Bischöfe, die Werbung für ihn machen - ist selbstverständlich davon überzeugt, dass dieser Karl May katholisch ist. Nur, er ist evangelisch.
Wird am 26. Februar 1842, am Tag nach seiner Geburt, getauft, 1856 konfirmiert und anschließend an evangelischen Lehrerseminaren ausgebildet; mit erfolgreich abgelegtem Examen erwirbt er zugleich die Qualifikation zum evangelischen Vikar. Er hütet sich, den Irrtum über seine Konfession aufzuklären. Das wird ihm später, als er längst berühmt und reich ist, sehr übelgenommen. Namentlich aus dem katholischen Milieu kommen nun besonders heftige Angriffe. Zumal inzwischen so einiges ruchbar geworden ist, was zum Saubermann Karl May so gar nicht passen will: dass er ein wiederholt verurteilter Straftäter gewesen ist, dass er eben auch zweifelhafte, im Verständnis der damaligen Zeit "unsittliche" Romane geschrieben hat, dass er einen ihm angedichteten Doktortitel nur allzu gern benutzt hat und dass er seine Reiseerzählungen verfasst hat, ohne je selbst im Orient oder im Wilden Westen gewesen zu sein. Vielleicht könnte man es ihm nachsehen, dass seine Abenteuer bloß auf lebhafter Fantasie und professioneller Recherche beruhen. Doch unverzeihlich ist der Schwindel: May ist weder Kara noch "Schar-Lih", Winnetou hat nie gelebt, Hadschi Halef-und-soweiter existiert nicht - alles das und noch viel mehr hat Karl May, der Lügenbold, steif und fest behauptet. Aus dem Autor für das katholische Haus wird einer, der die Jugend verdirbt.
Vorübergehend. Natürlich legt sich die Aufregung irgendwann wieder. Jahrzehnte über Karl Mays Tod hinaus bleiben seine Werke - in katholischen und allen anderen Häusern - die Jugendbücher schlechthin. Ihre Leser bewundern Winnetou, Old Shatterhand, Kara Ben Nemsi und Gefährten – und die Werte, die sie verkörpern. Und auch wenn Winnetou und Hadschi Halef Omar schließlich konvertieren, predigt May keinesfalls eine Vorrangstellung des Christentums. In erster Linie lehrt er religiöse Toleranz: Seine christlichen Helden begegnen der indianischen Naturreligion oder dem Islam mit Hochachtung. Sie missionieren nicht aktiv, sie überzeugen durch ihr Beispiel. Karl May selbst träumt ohnehin eher von einer Versöhnung der Religionen oder von einer neuen Religion, die unterschiedliche Bekenntnisse in Frieden vereint. In der Figur des Hadschi Halef Omar deutet er es an: Obwohl Halef Christ wird, bleibt er Oberhaupt seines muslimischen Stammes. Unvorstellbar in der Wirklichkeit - damals wie heute.
