Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche
Ein Thema, für das sich kaum Worte finden lassen: sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen.
Wir haben trotzdem versucht, die wichtigsten Fragen und Antworten dazu für Sie zusammenzufassen.
2010 erschütterten immer neue Vorwürfe von sexuellem Missbrauch die katholische Kirche in Deutschland. Nachdem Ende Januar bekannt wurde, dass zwei Berliner Jesuitenpatres in den 70er- und 80er-Jahren Dutzende Jugendliche sexuell missbraucht hatten, wurden die Bistümer, Orden und andere kirchliche Einrichtungen in Deutschland schier überrollt von Hinweisen - Opfer, die teilweise Jahrzehnte lang geschwiegen hatten, wagten jetzt den Schritt an die Öffentlichkeit. Die Täter: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Jugendarbeit, Lehrer und viele andere. Vor allem aber auch: Ordensmänner und Priester.
Die Deutsche Bischofskonferenz benannte mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann einen Sonderbeauftragten, die Bundesregierung ludt zu einem runden Tisch. Auch der Papst verurteilte die schrecklichen Verbrechen im Raum der Kirche und bat im Namen aller Geistlichen um Entschuldigung: "Wir bitten Gott und die betroffenen Menschen inständig um Vergebung und versprechen zugleich, dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen."
Inzwischen hat die Deutsche Bischofskonferenz ein Entschädigungsmodell für Fälle sexuellen Missbrauchs Minderjähriger entwickelt, um auch für die Betroffenen materielle Leistungen zu erbringen, bei denen eine Schmerzensgeld- oder eine Schadensersatzleistung aufgrund von Verjährung rechtlich nicht mehr durchsetzbar ist. Weitere Informationen dazu und die entsprechenden Formulare finden Sie auf der Internetseite der Deutschen Bischofkonferenz. Für Fragen zum Thema stehen die Ansprechpartner für Missbrauchsopfer im Bistum Osnabrück zur Verfügung (siehe Kasten rechts).
Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode wandte sich bereits im März 2010 an die Gläubigen im Bistum: "Ich bin bestürzt und sprachlos, voller Scham und Trauer über die schmerzlichen Vorgänge und Vertrauensbrüche in unserer Kirche, die bundesweit aus den letzten Jahren und Jahrzehnten ans Licht kommen. Als Bischof von Osnabrück bitte ich ausdrücklich jene Menschen um Vergebung, die in unserem Bistum durch Priester und andere kirchliche Mitarbeiter Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Jeder Missbrauchsfall ist zuviel, und das Ringen um Wahrheit und Gerechtigkeit muss verstärkt werden, damit diese Krise ein Läuterungsprozess werde für unsere Kirche, aber auch für unsere ganze Gesellschaft." Im November 2010 brachte Bischof Bode die Schuld der Kirche in einem Bußgottesdienst vor Gott.
Auch im Bistum Osnabrück gab es Fälle von sexuellem Missbrauch: 28 Hinweise auf Fälle von sexuellem Missbrauch, die das Bistum betreffen, sind seit Februar 2010 bei der zuständigen Kommission eingegangen. Sie erstrecken sich über einen Zeitraum von 70 Jahren und beziehen sich auf 16 Geistliche und drei sonstige kirchliche Mitarbeiter des Bistums sowie zwei seit längerem dem Erzbistum Hamburg angehörende Geistliche. Letztere wurden zuständigkeitshalber an das Erzbistum Hamburg weitergeleitet. Von den 16 verdächtigten Geistlichen des Bistums Osnabrück sind elf bereits verstorben. Vier weitere sind pensioniert und nicht mehr im Gemeindedienst. Einer dieser vier Geistlichen wurde 2001 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gerichtlich verurteilt. Der 16. verdächtigte Geistliche ist amtierender Priester des Bistums Osnabrück. Er wurde aufgrund der gegen ihn erhobenen Vorwürfe bis auf weiteres vom Dienst entpflichtet. Ein kirchenrechtliches Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft.
Bischof Bode betonte, dass jedem Vorwurf nachgegangen werde. Alle Hinweise werden auch an die Staatsanwaltschaft übergeben, es sei denn, das Opfer widerspricht dem ausdrücklich oder der Beschuldigte ist bereits verstorben. Bereits 2002 hat der Bischof einen vierköpfigen Arbeitsstab einberufen, der Vorwürfe von sexuellem Missbrauch eingehend prüft. Dazu gehören derzeit der frühere Osnabrücker Oberstaatsanwalt Heribert Günther, der Theologe und Sozialpädagoge Roland Knillmann, die Juristin Rita Plois und Dr. Karl H. Wiedl, Professor für klinische Psychologie und Psychotherapie und Direktor des Psychologischen Instituts der Universität Osnabrück.
Zum 1. Mai 2011 wurde im Bistum Osnarück eine Koordinationsstelle zur Prävention von sexuellem Missbrauch eingerichtet. Ihre Aufgabe sind unter anderem die Beratung bei der Planung und Durchführung von Präventionsprojekten, die Information über Präventionsmaterialien und -projekte und die Weiterentwicklung verbindlicher Qualitätsstandard. Ansprechpartner ist Hermann Mecklenfeld (siehe Kasten rechts).
In den vergangenen Monaten hat Bischof Bode auch selbst mit Opfern gesprochen und einen diözesanen Prozess in Gang setzen, der die Kirche im Bistum aus der Vertrauenskrise herausführen und ein neues Miteinander zwischen Priestern und Laien, Männern und Frauen bewirken soll. In einem ersten Schritt trafen sich im September 2010 die Mitglieder der diözesanen Räte und Leitungsgremien, also Priester und Laien, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, erstmals zu einer speziellen Klausurtagung – um Wege zu finden, wie das Bistum vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise neu in die Zukunft gehen kann.
Denn, so Bode: "Wir brauchen eine Läuterung und wir wollen uns ihr aktiv stellen. Die gegenwärtige tiefe Vertrauenskrise in der Kirche – ebenso in der Gesellschaft – fordert zu einer tiefgehenden Erneuerung heraus."
reinhören
Bischof Franz-Josef Bode zum Thema Missbrauch
Weiterführende Informationen
- Hier finden Sie Antworten auf häufige Fragen zum Thema Missbrauch
- Hier geht es zur deutschlandweiten Hotline der Kirchen für Opfer sexuellen Missbrauchs
- Die Deutsche Bischofskonferenz bietet auf ihrer Website ausführliche Informationen zum Thema Missbrauch
- Außerdem gibt es von der Deutschen Bischofskonferenz Informationen zum Thema Prävention von sexualisierter Gewalt
