100 Jahre Mutter Teresa
Sie ist und bleibt der Engel der Armen: Mutter Teresa. 1910 in Skopje, Mazedonien, als Agnes Gonxha Bojaxhiu geboren, wäre am 26. August 2010 100 Jahre alt geworden. Auch noch gut zehn Jahre nach ihrem Tod am 5. September 1997 gilt sie den meisten Menschen als DAS Beispiel für gelebte Nächstenliebe. Schon als junges Mädchen wollte sie Missionarin werden, dabei hätte sie ein bequemes Leben führen können: ihre Familie war reich. Doch sie träumte davon, in fremde Länder zu reisen und dort im Sinne des Glaubens Menschen zu helfen. Mit 18 Jahren tritt sie in den Loreto-Orden ein, 1928 geht sie nach Indien. In Kalkutta arbeitet sie zunächst als Lehrerin in einer Mädchenschule. 1948 verlässt sie den Orden und gründet die "Missionarinnen der Nächstenliebe", um sich ganz den Armen, Kranken und Augestoßenen zu widmen. Heute gehören dem Orden mehrere Tausend Schwestern und einige Hundert Brüder an. Sie kümmern sich in über 100 Ländern um Sterbende, Kranke, Obdachlose und Kinder. Für ihr beispielloses Engagement erhielt Muter Teresa 1979 den Friedensnobelpreis; 2003 wurde sie selig gesprochen.
Ihr zu Ehren hat das Missionwerk missio zusammen mit dem Fotografen Karl-Heinz Melters eine Ausstellung konzipiert. Er hat Mutter Teresa jahrelang begleitet und erzählt anhand seiner Bilder von diesen Begegnungen.
Mutter Teresa 1973 an der Pforte des Ordenshauses in Kalkutta, Bild: Karl-Heinz Melters
Herr Melters, erinnern Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Mutter Teresa?
Anfang der 70er Jahre traf ich sie in Kalkutta das erste Mal. Ich war mit einer Kollegin unterwegs und wir standen in einer langen Schlange vor der Pforte ihres Mutterhauses, gemeinsam mit einigen Fernsehteams, die aus allen Teilen der Welt angereist waren. Aber Mutter Teresa winkte seltsamerweise nur uns herein, während die anderen trotz ihrer festen Termine draußen bleiben mussten. Damit hatte Mutter Teresa wenig am Hut. Da konnte ein Fernsehteam aus den USA oder England angereist sein - wenn sie nicht wollte, wollte sie nicht. Ein paar Tage später fuhr ich zum Kali Tempel, um ein paar Bilder von ihr zu machen. Aber sie sagte, ich solle die Kamera weglegen und erst einmal mithelfen, die Kranken und Sterbenden zu waschen und zu füttern. Das musste ich ein paar Stunden tun. Erst dann durfte ich fotografieren.
Sie waren für das Hilfswerk missio mehr als 30 Jahre lang in über 100 Ländern unterwegs. Wie oft haben Sie Mutter Teresa getroffen?
Mehrere Male, auf Reisen in allen möglichen Teilen der Erde. Manchmal auch auf Flughäfen. Es war nicht leicht, mit ihr zu sprechen. Es war schwer, sie zu besuchen und es war unmöglich, sie zu enträtseln.
Ist Ihnen eine Begegnung besonders in Erinnerung geblieben?
Auf einer Reise von Kalkutta nach Bombay traf ich Mutter Teresa auf dem Flughafen. Sie sah mich, erkannte mich wieder und gab mir ein kleines Beutelchen, in dem ein Rosenkranz und ein Gebetbuch steckten. Das nahm ich mit ins Flugzeug und sezte mich neben sie. Ich hatte einen unheimlichen Durst und es wurden die herrlichsten Getränke vorbeigetragen, aber Mutter Teresa drückte mir den Rosenkranz in die Hand und statt meinen Durst mit einem kühlen Bier zu löschen, musste ich kräftig mitbeten.
Wie gelang es Ihnen, über die Jahre so viele - teilweise sehr intime - Aufnahmen von Mutter Teresa und ihren Mitschwestern zu machen?
Mir war es immer wichtig, nicht nur Mutter Teresa vor meine Kamera zu stellen, sondern auch und vor allem ihre Schwesterngemeinschaft. Aber es war gar nicht so einfach, an die Schwesterngemeinschaften heranzukommen. Am Anfang passierte es hhäufig, dass ich irgendwo hinkam und es hieß, ohne Erlaubnis von Mutter Teresa dürfe ich keine Bilder machen. Das passierte mir überall: in Vietnam, im Jemen, in Malaysia, aber auch in Berlin-Kreuzberg. Das war ich irgendwann leid. Also bat ich Mutter Teresa bei der nächsten Begegnung, mir eine Erlaubnis zu geben, in ihren Ordensniederlassungen fotografieren zu dürfen. Sofort griff sie zum Kugelschreiber und schrieb auf ein kleines Kärtchen, man solle mich doch bitte in der Gemeinschaft Fotos machen lassen. Als ich dann mit diesem Kärtchen in der Hand irgendwo in der Welt an die Tür klopfte, stand das Haus sofort offen und ich konnte soviel fotografieren, wie ich wollte.
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Was für ein Mensch war Mutter Teresa?
Mutter Teresa ist von vielen Menschen kritisiert, von den meisten aber wohl verehrt worden. Sie war eine Frau mit einem unerschütterlichen Glauben, der Berge versetzen konnte. Es gab kaum eine Person auf der Welt, die von so unterschiedlichen Menschen, wie Lady Di, Gorbatschow, Niki Lauda oder Richard von Weizsäcker gleichermaßen bewundert wurde. Sie war eine Person, die ein Unternehmen, das mit einem großen Konzern vergleichbar ist, mit nur einem Telefon und keinem Faxgerät geleitet hat. Sie war eine ungewöhnliche Persönlichkeit. Ihren Mitschwestern hat Mutter Teresa sehr viel abverlangt. Die Schwestern hatten keinen einfachen Arbeitstag. Es ging sehr früh los bis spät abends. Der Tag war dadurch bestimmt, sich ganz den Armen hinzugeben. Und doch hat der Orden einen enormen, beeindruckenden Zulauf.
Was hat Sie an Mutter Teresa am meisten beeindruckt?
Am meisten beeindruckt hat mich ihr unerschütterlicher Glaube. Und dass sie sich nie etwas daraus gemacht hat, als Star verehrt zu werden. Sie hat niemals Starallüren an den Tag gelegt. Beeindruckt hat mich auch ihre Einfachheit in der Verwaltung der vielen Gelder, die sie bekommen hat. Nie hat sie Spendenbescheinigungen oder Rechnungen ausgestellt. Ob es fünf oder 1000 Euro waren - sie bedankte sich, schenkte dem Spender ein Lächeln und ließ ihn stehen.
Wie haben Sie Mutter Teresa als spirituelle Frau erlebt?
Wenn man Mutter Teresa sprechen wollte, dann musste man morgens um halb sechs zur Messe kommen. Die Kapelle war jeden morgen voll von Menschen, nicht nur von Schwestern, sondern auch von Besuchern aus aller Welt. An der Decke hingen Ventilatoren und von draußen strömte ein unglaublicher Verkehrslärm herein. Doch Mutter Teresa hockte ganz still in einer Reihe zwischen ihren Schwestern und betete. Ganz schlicht saß sie dort als einfache Nonne.
Worin zeigte sich Mutter Teresas unerschütterlicher Glauben?
Als in Äthiopien der Bürgerkrieg ausbrach, wurden unzählige Menschen umgebracht. Nur die Kinder ließ man am Leben. Sie liefen heulend und weinend durch die Stadt und suchten Halt, Unterkunft und Hilfe. Keiner hat sich um sie gekümmert nur Mutter Teresa, die zu dieser schrecklichen Zeit in Addis Abeba war. Sie hat die Kinder in ihrem Schwesternhaus aufgenommen. Ich stieß mit einem Kollegen dazu. Sie sagte zu uns, wir müssten in den Süden reisen, dort seien zwei deutsche Schwestern, die unsere Hilfe dringend benötigten und das in einem Land, wo man noch nicht einmal in der Hauptstadt sicher war. Wir sagten: "Mutter, das ist unmöglich!", woraufhin sie nur entgegnete: "Quatsch, Quatsch, was heißt hier unmöglich, ich bete doch für euch!" Es war die schlimmste Fahrt, die ich von all meinen Journalistenreisen mitgemacht habe. Wir wurden alle vier Kilometer aus dem Auto gezerrt, an die Wand gestellt und wieder frei gelassen. Es war schrecklich. Aber wir kamen heil zu den Schwestern und auch wieder heil zurück nach Addis Abeba. Mutter Teresa stand in dem großen Eisentor vor ihrem Schwesternhaus. Wir wollten ihr erzählen, was wir alles erlebt hatten. Da legte sie nur den Finger beschwichtigend auf den Mund und sagte: "Ich weiß ja, was ihr sagen wollt, ich habe ja für euch gebetet, ihr musstet ja durchkommen." Dieses Erlebnis war für mich Ausdruck ihres unerschütterlichen Glaubens.
Warum ist Mutter Teresa Vorbild für viele Menschen?
Sie hat sich selbst in den Dienst ihrer Sache gestellt. Sie hat nicht für sich selbst Geld und Spenden gesammelt, sondern es weiter gegeben. Sie hat ein Leben vorgelebt, das schwer nachvollziehbar ist. Aber doch irgendwie in vielen Menschen eine Sehnsucht erweckt, ein bisschen zu werden, wie Mutter Teresa.
Das Interview führte Verena Vierhaus (missio)
Wenn auch Sie jetzt das Bedürfnis haben, etwas Gutes zu tun - aber Sie wissen nicht wie, dann überlegen Sie nicht lange. Fangen Sie wie Mutter Theresa mit einem Lächeln an und nehmen Sie sich Ihre Worte zu Herzen: "Gestern ist vergangen. Morgen ist noch nicht gekommen. Wir haben nur heute. Lasst und beginnen."
